Die Luft duftete noch nach der Wärme des vergangenen Tages und die Grillen zirpten ungerührt der knisternden Unruhe, die in ihrem Inneren tobte. Aus der Ferne hallte der Ruf eines Kauzes durch die Dunkelheit, wie der Ausruf ihres eigenen Unbehagens. Nachdenklich zog Myrka den geflochtenen Gürtel ihres Gewandes ein Stück fester, der graublaue Stoff hüllte sie schützend ein und dennoch änderte dies nichts an der zunehmenden Anspannung, die an ihr zerrte.
Dabei betraf sie die aufkommende Hitze der umstehenden Versammlung von temperamentvollen Kriegern überhaupt nicht. Diese schworen sich ein, den dämonischen Geist dieses Waldes, der Unglück über
sie alle brachte, zu jagen und seinem Treiben ein Ende zu setzen.
Stirnrunzelnd sah die junge Frau, die dem Novizenstand angehörte, dem sich gegenseitig aufheizenden Pulk zu. Das war nicht gut, aus mehreren Gründen nicht: Zum einen glaubte sie nicht an die
Schuld des Waldhüters, einem Wesen dem ihre Lehrmeister tiefsten Respekt entgegenbrachten und zum anderen konnte nie etwas Gutes aus blindem Hass entstehen, der in den Augen der Männer leuchtete.
Ihr Ausbilder trat neben sie, einer der höchst geachteten Geheimnishüter ihrer Gemeinschaft.
„Könnt ihr nichts tun, um das aufzuhalten?“, wandte sich Myrka an den weisen Mann, ihre dunkelbraunen Haarsträhnen bebten leicht, während sie sprach.
Die Miene des Alten drückte Bedauern aus: „Das habe ich bereits getan, sie wählen ihren Weg selbst. Aber: Dies gilt ebenso für die andere Seite.“
Die Falten auf ihrer Stirn unterstrichen Myrkas Ratlosigkeit ob dieser Äußerung und nichtsdestotrotz schwang leichte Zuversicht in ihrer Stimme, als sie nachfragte: „Wie meint ihr das?“
Die lärmende Gruppe von kampfbereiten Kriegern stürmte bewaffnet und mit lodernden Fackeln an ihnen vorbei, Myrka wartete, bis alle außer Sichtweite gelangt und selbst ihr lautes Gebrüll kaum
noch zu hören war. Sie wollte gerade ihre Frage wiederholen, da sprach ihr Mentor: „Geh in den Wald und sammele die Kräuter, um die ich dich gebeten habe.“
Das war nicht die Antwort, auf die sie gehofft hatte. Ein prüfender Blick in das Gesicht des Mannes versicherten ihr: Mehr gab es nicht zu sagen.
Der Kopf der Novizin senkte sich leicht zu Boden: „Wie ihr wünscht, Meister Thorvin.“
. . .
Es erschien ihr äußerst unsicher und gleichsam ungewöhnlich, diese Aufgabe ausgerechnet jetzt im Wald ausführen zu müssen, wo die Jagd auf den Waldhüter stattfand. Doch Myrkas Vertrauen in ihren
Lehrmeister und seiner Weisheit war grenzenlos, es musste einen gewichtigen Grund geben oder Thorvin verfolgte einen ganz eigenen Plan. Wie auch immer, sicher würde ihr nichts zustoßen.
Mit einer Hand tastete sie nach dem kleinen Ledersäckchen, das um ihren Gürtel hing, die zwei kostbaren Phiole darin waren noch da. Zu Beginn der Novizenzeit erhielten alle Anwärter zwei Phiolen
mit einem Inhalt, der gegensätzlicher nicht sein könnte: Der eine Trank brachte wundersame Heilung, man sagte sogar, er könnte Totgeweihten das Leben zurückschenken und der andere verwahrte ein
tödliches Gift. Die Novizen mussten auf ihre Tränke achten und sie bewahren. Es war ihnen allerdings streng untersagt, sie während ihrer Lehrzeit anzuwenden. Sollte dies dennoch geschehen, so
würde der Betreffende umgehend aus seinem Stand enthoben werden. Myrka dachte oft über diese beiden Tränke nach und schützte sie, wie ihre höchste Habe.
Sie kannte sich in diesem Wald so gut aus, dass sie keinen Suchkristall benötigte, und gelangte bald an eine Stelle, wo das helle Mondlicht durch das dunkle Blätterdach brach. Ungewöhnlich
intensiv leuchtete der Lichtspiegel der Mondin auf sie herab. Ob die Kräuter einen so herrlichen Duft verströmten, weil sie auf das Mondlicht reagierten?
Schließlich fand sie die ersten Pflanzen und suchte sorgsam geeignete Exemplare aus, verstaute sie in der Ledertasche, die ebenfalls um ihren Gürtel geschnallt hing und wollte gerade weitergehen,
da durchfuhr es sie wie ein gleißender Blitz: eine bedrohliche Vorahnung, ein brennender Schmerz, der vom Kopf bis zu ihren Füßen zuckte. Schnell atmend blickte sie sich um, erkannte jedoch keine
Bedrohung, ihre Umgebung verriet nichts außer scheinbare Ruhe. Nach einer Weile beruhigte sich ihr aufgeregtes Herz und der rasende Atem ging wieder annähernd normal.
Dafür fegte ein heftiger Windstoß durch den gesamten Wald, als würde dieser gemeinschaftlich aufschreien. Die Atmosphäre veränderte sich und Myrka spürte in sich nur noch einen Impuls:
Laufen!
Geschickt trugen ihre Füße sie über den unebenen Waldboden. Mit galoppierendem Herzen und wie von einer unsichtbaren Macht geleitet rannte sie einen anderen Weg entlang, den sie gekommen war. Die
junge Frau sprang über einen schmalen, aber recht finsteren Graben, dessen Boden nicht klar auszumachen war. Noch im Sprung verfing sich Myrkas rechtes Bein an einer abstehenden Wurzel und sie
stürzte unaufhaltsam in die Tiefe. Zahlreiche Äste und Blattwerk, als fiele sie vom Himmel auf die Krone eines Baumes, fingen ihren freien Fall jedoch ab.
Nach dem Aufprall herrschte Stille und Myrka atmete einige Male tief durch, bevor sie ihre vor Schreck zugepressten Augenlider wieder öffnete. Der leichte Schmerz vom Aufprall verflog rasch.
Verdutzt sah sie sich um und richtete den Oberkörper langsam auf, anschließend betastete sie prüfend ihren am Gürtel hängenden Beutel: die Fläschchen mit dem wertvollen Inhalt schien ganz
geblieben zu sein, genau wie sie selbst, außer ein paar Schrammen.
Da bemerkte sie, wie ungewöhnlich sich ihre nähere Umgebung verhielt: Sie saß in einer rundlichen, aus Baumgeäst gewachsenen Höhle, mit grünen Blättern umhüllt. Dennoch viel genug Mondlicht in
das Innere dieser Kugel.
Was für ein wunderlicher Ort, wo war sie nur gelandet?
Da floss ihr ein Wissen in die eigenen Gedanken, dessen Ursprung sie nicht zu nennen vermochte:
Dies ist eine Zuflucht.
Aber für was oder wen?
In der Hoffnung den Ausgang ausfindig zu machen, drehte sie sich auf allen vieren um, aber was sich der Novizin dann offenbarte, war ein erschreckender Anblick: Vor ihr lag ein riesiges Geschöpf,
halb Mensch, halb Hirsch. Den Körper gekrümmt, kauerte es auf der Seite, das Gesicht von ihr abgewandt.
„Der Waldhüter …“, entfuhr es ihr erschrocken. Sie hatte viel von diesem Wesen und seinesgleichen gehört. „Sie bevorzugen die Nacht und bleiben versteckt am Tag. Das Licht des Mondes
regt sie an, während die Tageshelle sie verschrecken kann“, rezitierte sie flüstern einen Lehrspruch. Die Meisten hielten diese Hirschmenschen für unheilbringend, weil sie nach den Ereignissen
der gewaltigen Blitztänze und Erdrückungen in Erscheinung traten. Die Geheimnisträger und ihre Schüler erfassten allerdings die wahre Bedeutung ihres Daseins. Diese Geschöpfe waren entsandt
worden, um den überlebenden Menschen verlorenes Wissen wieder zugänglich zu machen und das Leben zurück ins Gleichgewicht zu bringen. Darum war es alles andere als klug, einen solchen Waldhüter,
wie Meister Thorvin sie nannte, zu verletzten oder gar zu töten. Und dieses Wesen vor ihr wies mindestens drei tiefe Wunden am Oberkörper und der Seite auf, aber es atmete noch.
Unschlüssig, ob sie lieber Thorvin zu Hilfe holen oder selbst erst einmal die Wunden versorgen sollte, beobachtete Myrka das Geschöpf vor sich. Möglicherweise würde er sich gar nicht von ihr
helfen lassen, wenn er sie bemerkte oder hatte er das schon längst? Als sie nachdenklich mit den Fingern eine ihrer anderen Gürteltaschen abtastete, bemerkte sie das Fehlen der Leinenbinden, die
sie zur Wunderversorgung benötigen würde. Offenbar lagen sie noch auf dem Tisch in ihrer Kammer.
Auf sie wirkte das Geschöpf unheimlich, dass schwer atmend mit seinen Verletzungen kämpfte. Da entdeckte die junge Frau eine kleine Öffnung, die für sie groß genug wirkte, um hindurch zu
schlüpfen. Myrka gedachte sich gerade an dem Hirschwesen vorbeizuschleichen, da schnellte unvermittelt sein Arm nach vorne und packte sie am Handgelenk, nicht grob, aber erstaunlich kräftig, wenn
man seinen schrecklichen Zustand bedachte. Aus den Augenwinkeln sah Myrka, wie er sich leicht regte.
„Bitte, … hilf mir …“, die Stimme klang beschwörend. Erschrocken schaute sie ihn an und erwartete, nun in ein furchterregendes Gesicht mit wütenden Augen zu starren. Aber nichts dergleichen
geschah. Der Blick dieses Wesens berührte die junge Frau, als schaute er ihr bis in die tiefsten Gründe ihrer Seele. Seine Augen strahlten eine alles durchdringende Liebe aus. Der Rest seines
Körpers wirkte imposant und muskulös, das Fell erstrahlte in einem dunklen Rotbraun. Ohne die schrecklichen Verwundungen musste er sehr majestätisch anmuten, schlussfolgerte die unerfahrene
Novizin.
„Ich … ich weiß leider nicht, was ich ausrichten könnte …“, flüsterte sie kaum hörbar. Da deutete er auf ihren Beutel, der die beiden Phiolen beinhaltete und sie verstand.
Woher wusste er davon?
Sollte sie ihn heilen?
Mit dem heiligen Trank?
So könnte sie den Hüter in der Tat retten. Doch was bedeutete das für sie?
Sie würde aus dem Bund der Novizen gebannt werden, weil sie vor ihrer Weihe eines der heiligen Tränke geöffnet und angewandt hatte. Und die Krieger? Sie bräuchten sicher nicht lange, um ihre
Verbannung und die fehlgeschlagene Jagd sowie dem ausbleibenden Tod des Wächters miteinander zu kombinieren. Falls die Seherin es ihnen nicht schon ohnehin offenbaren würde und ohne den Schutz
der Gemeinschaft, verfielen gleichsam Myrkas Stand und die dazugehörige Sicherheit. Die Krieger werden sich rächen wollen.
Nun ging es also um ihr Leben oder seines …
Sie könnte ihm auch einfach das Gift verabreichen. So bliebe ihr wenigstens die Möglichkeit, ihr Handeln als Notwehr zu rechtfertigen, weil der Hirschzentaur ihre Unversehrtheit bedroht habe. So
brauchte Myrka nach der unausweichlichen Verbannung wenigstens nicht die Rache der Sippe zu fürchten.
Aber nein – ihr Herz schüttelte den letzten Gedankengang angewidert ab. Eine solche Tat entspräche nie und nimmer ihrem Innersten, genauso wenig, wie dem Hüter die erbetene Hilfe zu
verweigern.
„Ich weiß, der Preis ... für dich ist hoch. Dennoch bitte ich … dich …“
Sie rang noch für einen Moment mit sich, über ihr grollte, wie zur Mahnung, ein leiser Donner. Übel würgte die aufkommende Angst ihre Kehle, nur für wenige Wimpernschläge lang zögerte sie noch,
obgleich ihr Herz die Entscheidung längst getroffen hatte. Ihre Hand fand den Beutel und zog die grün schimmernde Flasche mit dem Allheiltrank heraus.
. . .
Der Trank erfüllte seinen Zweck, der Waldhüter gewann seine Kraft innerhalb weniger Atemzüge zurück, die Wunden schlossen sich und zurückblieben nur das blutverkrustete Fell. Schließlich
vollführte er eine ausladende Bewegung mit beiden Händen und löste so die gewachsene Kugel aus Pflanzenblattwerk um sie beide herum auf. Da erst fiel Myrka auf, dass eines seiner Augen blind zu
sein schien, der Trank konnte es nicht heilen, offenbar, weil es eine alte Verletzung war.
Der Zentaur richtete sich zur Gänze auf, seine Ohren zuckten und fingen die Geräusche der Umgebung auf. Die schiere Größe des hochgewachsenen Geschöpfes beeindruckte Myrka so sehr, dass sie nicht
aufhören konnte, ihn anzustarren. Sein Äußeres fing an, mit dem Mondlicht zu reagieren. Das Geweih floreszierte in einem matten Blau, Fell und sogar Hautstellen, auf die das Licht fiel, fingen
ebenfalls an in orangen bis gelblich leuchtende Pigmente das Licht zurück zu reflektieren.
„Sie kommen …“, murmelte er und in ihr brach die pure Furcht hoch.
Sie kamen – und Myrka war von nun an schutzlos. Durch ihre Entscheidung besaß sie nun keine Gemeinschaft oder Zuhause mehr, in das sie zurückkehren durfte.
Da reichte ihr der Hirschmensch eine seiner riesigen Hände: „Du glaubst vielleicht, alles verloren zu haben, doch in Wahrheit bist du stets bewahrt worden. Thorvin ist seiner Aufgabe
ausgezeichnet nachgekommen, als er dich aufzog – und nun ist es für dich an der Zeit, weiterzuziehen.“
Thorvin?
Sie sollte weitergehen?
Aber wohin nur?
„Ich fürchte, ich verstehe nicht, was du meinst“, gestand die junge Frau und dennoch legte sie schweigend ihre Hand in seine, ihre Augenpaare trafen sich und hinter ihm nahten vier Schatten
heran, lautlos wie der Eulenflug. Ihre Leiber leuchteten wie die des Wesens vor Myrka: Es waren weitere Hirschmenschen. Zwei junge Krieger, sie führten Speere mit sich. Die übrigen zwei zählten
mehr Lebensjahre und trugen in Lederscheiden ruhende Schwerter.
Die Gruppe hielt einen gewissen Abstand ein, nur einer der jüngeren Recken trat dichter zu ihnen: „Vater? Ist mit dir alles in Ordnung? Was macht dieser Mensch hier?“
Der Angesprochene drehte langsam sein Gesicht dem Spross seiner Gene zu, Myrkas Blick blieb dabei auf dem Leuchten des prächtigen Geweihes hängen. Noch bevor der Hirschmensch sprach, flirrte der
Gesang einer Nachtigall durch die Luft. Eine Melodie, die es schaffte, die Bedrohlichkeit der Menschen, die stets näher rückte, in den Hintergrund zu drängen und diesen Augenblick in etwas
Magisches zu verwandeln.
„Sie hat sich bewiesen, ihr Name lautet Myrka und sie wird von nun an die unsere sein – als mein Mündel.“ Die junge Novizin meinte den Anflug ungläubigen Entsetzens im Gesicht des Hirschkriegers
zu erschauen. Doch lediglich für einen winzigen Lidschlag lang. Er schnappte nach Luft, seine Ohren zuckten und schlussendlich deutete er eine Verbeugung an. „Wie du es wünscht, Vater.“
Im Licht des Mondes erschien das Fell des jungen Recken fast so silbern wie der Himmelskörper selbst, dann schloss es Myrka plötzlich ins Bewusstsein: Das musste der berüchtigte Silberfuchs sein.
Schwer zu fassen, wie ein Geist soll er sein, geschickt und alptraumhaft. Er soll den Jägern oft schwere Wunden zugefügt haben und galt als Ungeheuer. Sicher, er besaß unweigerliches Temperament,
aber war er tatsächlich das Monster, für das ihn alle verschrien?
Erneut hörte Myrka die Stimmen des Jägertrupps und ihr Herz brachte das Blut in ihren Ohren lauter zum Rauschen, während sie gleichzeitig das Lied der Nachtigall vernahm, die weiterhin ungerührt
sang.
Müssten sie sich nicht endlich alle in Bewegung setzen, um zu fliehen?
Die Männer würden sie bald gefasst haben. Ein Teil von ihr dachte daran, sich loszureißen und davon zu rennen, und dessen ungeachtet wog jener Teil in ihr kraftvoller, der sich zu der Ruhe des
Hirschwesens hingezogen fühlte und ihm Vertrauen entgegenbrachte. Alles würde gut gehen – vermutlich.
„Komm“, sagte der dann und zog sie sanft ein Stück nach vorn, eine winzige Ansammlung von Pilzen wuchs vor Myrkas Füßen und so machte sie einen weiten Schritt. Und noch bevor sie ihren Fuß erneut
auf den weichen Waldboden aufsetzte, durchfuhr es sie wie die kitzelnde Berührung von Wasser und Wind zusammen. Als durchschreite sie eine unsichtbare Schwelle. Ihre Umgebung veränderte sich nur
geringfügig, der Wald sah immer noch so aus, wie der den sie kannte, nur dass viele Pflanzen und Pilze einen Schein von fahlem Leuchten ausstrahlten. „Sei willkommen bei uns, Myrka“, begrüßte der
Hirschhüter sie nochmals und seine tiefe Tonlage besaß etwas Feierliches.
Er nickte liebevoll lächelnd: „Dies hier ist nun dein neues Zuhause. Mein Name lautet Nemetoros und ich werde dich einiges Lehren und dir eine Zuflucht bieten, wann immer du sie brauchst. Für den
Anfang werde ich dich der Obhut meines Sohnes Oisin übergeben.“
Der Silberfuchs schüttelte ungläubig seinen Kopf wie beim Erwachen aus einem Tagtraum: „Vater, das kann nicht ... bei allem Respekt. Das geht nicht, ich bin der Anführer der Kriegergarde und sie
ist ein Mensch und wie mir scheint, keiner von besonderer Körperkraft. Das ist ... inakzeptabel.“
Nemetoros lächelte nur auf die Abwehrhaltung seines Sohnes hin, vermutlich habe er sie bereits kommen sehen, dachte Myrka bei sich. Da sprach das Oberhaupt: „Ich sagte auch nicht, dass du sie als
Kriegerin ausbilden sollst, mein Sohn.“
„Und was dann? Was soll ich mit ihr anfangen?“ Auch die junge Menschenfrau beschäftigte selbiger Gedanke: Was konnte sie vom Silberfuchs lernen? Eine von Nemetoros Armen hob sich in aller Ruhe in
die Höhe, als versuchte er, nach irgendwas zu greifen, anmutig öffnete er seine Finger und drehte die Handfläche einladend den Himmel entgegen. Die Nachtigall flog herbei und landete auf seiner
Hand, gleichzeitig stockte Myrka der Atem, als der tosende Trupp der Jäger hinter ihnen erschien – und an ihnen vorbei tobte, als seien sie überhaupt nicht da!
Was geschah hier?
Inzwischen hatte der Hirschhüter seinen Arm so weit gesenkt, dass er den kleinen Nachtsänger in seiner Hand liebvoll betrachten konnte. Dabei sprach er in aller Ruhe: „Obgleich wir Krieger,
Heiler oder Dichter sind, jeder von uns besitzt eine Kernaufgabe, der wir federführend dienen: Wir hüten und beschützen den Wald und seine Lebewesen. Dazu zählen im Übrigen genauso die Menschen.
Darum helfen wir ihnen im Verborgenen. Doch diese Aufgabe übernehmen nur die geschultesten von uns. Du, mein Sohn, wirst Myrka die Grundlagen beibringen. Ihr zeigen, wie sie die verborgenen Tore
öffnen kann und wieder schließen muss, wie sie die Sprache der Bäume lesen kann und wie sie die Kraft ihrer Gedanken bündeln muss, um sich in das Netzwerk einzuklinken, dass alles mit allem hier
verbindet.“ Die kleine Nachtigall sang noch einmal, dann flatterte sie davon. Auf diese Ansprache hin wusste Oisin offenbar nichts weiter zu entgegnen. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust:
„Wie du wünschst, Vater ...“
Die Novizin wusste gar nicht, wie ihr geschah, auf sie wirkte der junge Krieger irgendwie unheimlich, wenn er auch ein faszinierenden Äußeres besaß. Sie vermutete bereits, dass er die Abneigung
ihr gegenüber niemals ganz ablegen würde. Das machte ihr Sorgen. Und trotzdem erwachte in ihr ein unbeschreibliches Gefühl – nein, es war gar keine einzelne Emotion, sondern die Wärme, die in
ihrem Herzen begann, freudig zu prickeln. Plötzlich erfasste sie eine innere Klarheit darüber, dass sie sich am richtigen Ort befand – es war der Pfad, der ihr bestimmt war zu gehen. Ein sachtes
Lächeln ließ sie ihre Mundwinkel leicht erheben.
Da wandte Nemetoros sein Gesicht wieder ihr zu. Die Fürsorge, die er ausstrahlte, berührte sie, obgleich sie sich kaum kannten. Und es schien so, als lese er in ihrem Herzen und sprach daraufhin
die Worte einfühlsam wie mit Nachdruck aus: „Myrka, ich wünsche mir für dich, dass du wieder Teil des Waldes wirst, Teil einer lebendigen Welt – offenbare der Welt den Klang deiner Seele.“
Von Runataurina