Das Rauschen der Wellen weckte ihn aus seiner Benommenheit. Doch die so vertraute Melodie des Wassers hörte sich verfremdet an, nicht so wie sonst, wenn er aus seinem Schlaf erwachte. Außerdem fühlte sich sein gesamter Körper unnormal bleiern an.
Er blinzelte und die zunehmende Helligkeit des anbrechenden Tages setzte seinen Augen zu. Schließlich schärfte sich sein Blick und ihm wurde bitterbewusst, dass er an Land gestrandet war. Nach
und nach stiegen Erinnerungsfetzen in ihm hoch. Er war unterwegs gewesen, eine seltene Koralle zu finden, doch der Meeresgott hatte offenbar Einwände dagegen gehabt und so war er in einen
plötzlich auftosenden Sturm geraten.
Der Sand scheuerte auf seiner Haut und zwischen den Schuppen, ein aus Seil geflochtenes Netz lag über ihn und fraß sich unangenehm an einigen Körperstellen fest, drückte Flossen ein und schnitt
stumpfe Wunden in sein Fleisch. Sein sonst so kraftvoller Körper wog nun schwer an seinen Muskeln und drückte ihn schmerzhaft zu Boden. Besonders seine mit Flossenhufen bewachsenen Vorderbeine
stöhnten unter seinem Gewicht, er spürte sie kaum noch. Doch am schlimmsten nahm er die zunehmende Einstrahlung der Sonne auf seiner Haut wahr. Die noch junge Tagesleuchte begann schon jetzt sein
Fleisch zu versengen und ihm zusätzliche Kraft auszusaugen.
So würde er also enden. Ein stolzer Krieger und jüngster Sohn der obersten Königin seines Stammes? Einsam und elend, wie ein Fisch in einem Netz der Landmenschen. Als hätte es nie etwas
Machtvolles in ihm gegeben, als gehörte er nicht zum Volk der Ichtiokentauren.
Nein, so durfte es nicht geschehen. Er kämpfte eine Hand aus dem Netz frei, sich mühsam windend, gelang es ihm, den Arm an seinem Rumpf herunter zu bewegen, und so nach seinem Waffengürtel zu
tasten. Er war noch da, allerdings galt das weder für sein Kurzschwert, noch für die Muschelmesser. Ihm entwich ein wütendes Schnauben.
Dann versuchte er, sich aus dem Netz zu winden. Sehr schnell versagten ihm jedoch die Kräfte, die Glieder schmerzten unter der ungewöhnlichen Anstrengung und alles, was er damit bewirkte, war ein
noch festerer Griff der Fessel um ihn.
Und dann drangen sie an sein Gehör: die Stimmen von Menschen. Sein Blick verfinsterte sich. Es verstrichen noch einige Atemzüge, dann kamen zwei Personen hinter den Strandgräsern hervor. Zwei
Frauen und sie hielten erschrocken inne, nachdem sie seiner gewahr wurden. Zunächst meinte er Entsetzen und Unglauben in den Augen der beiden zu lesen, doch dann begannen ihre Augen zu leuchten.
Sie traten näher und er hörte sie reden. Die Ältere der zwei sprach: „Das Netz ist kaputt, doch sieh nur, was das Meer uns stattdessen gesandt hat.“ Sie reckte interessiert den Hals, wobei sie
zwei Schritte gebührenden Abstand einhielt. „Seine magentafarbende Musterungen an Flossen und Schuppen sind unglaublich. In der Tiefe schimmern sie sogar violett und siehst du dort drüben das
Gold? Vater und Mutter werden begeistert sein, er wird uns viel Geld einbringen. Dann können wir endlich das Boot reparieren lassen und Vater kann wieder zum Fischen hinausfahren.“
Die Jüngere nickte nur, sie sah allerdings etwas ängstlich aus. „Mach dir keine Sorgen, er kann dir nichts tun. Warte hier, ich hole Vater.“ Und schon huschte die hochgewachsene junge Frau davon,
ihr hellbraunes Haar wippte rhythmisch im Wind. Schweigend blickte die Andere ihr nach, als versuchte sie, ihn einfach zu ignorieren. Aus irgendeinem Grund fand er diese Menschentochter seltsam.
Sie sah der anderen nicht ähnlich, obgleich sie miteinander offenbar umgangen, wie Schwestern. Ihre Haut besaß nicht das Gleiche goldbraun, sie sahen sehr blass aus. Lag es an seinen von der
Sonne geschwächten Augen, oder ging von ihrer Haut ein bläulicher Schimmer aus? War sie krank?
Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Was kümmerte es ihn? Sie wollten ihn töten, er musste schnell einen Weg finden, zu entkommen.
Er glaubte zwar nicht daran, etwas bewirken zu können, indem er mit ihr sprach. Doch er straffte sich und versuchte, den Kopf und Oberkörper so hochzuheben, wie es ihm in der Beengtheit des
Netzes vergönnt war. Und dann forderte er: „Lass mich frei! Du weißt nicht, wen du vor dir hast!“
Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn eindringlich an. Es jagte ihm fast einen Schauer über den Rücken, wie seltsam ihre Augen aussahen, nicht wie die eines Landmenschen, sondern facettiertes
Blau mit diesem gewissen Hauch von tiefseegrün, wie die Mitglieder seines Stammes sie besaßen.
Wer war sie?
Er dachte schon, sie hätte ihn nicht verstanden, umso verwunderte war er, als sie ein Messer zückte und begann, Teile des Netzes durchzuschneiden. Schließlich hielt sie eine Öffnung hoch und
nickte ihm zu. Stutzig sah er sie an, sein Blick versuchte sie zu analysieren. Sein Instinkt verriet ihm, dass das zu einfach war. Irgendwas führte sie im Schilde. Dennoch währe er dumm, diese
Gelegenheit einfach verstreichen zu lassen. Es gelang ihm, wenn auch schwerfällig, wie eine Robbe an Land, sich Stück für Stück aus seinem Gefängnis freizukämpfen. Sie half ihm, schnitt noch mehr
Stellen frei, wo sich das Seil unerbittlich um Flossen oder seine Vorderbeine festgezurrt hatte.
Schließlich war er kurz davor das Ende des Strandes zu erreichen, wo die Wellen bereits nach ihm züngelten und ihn nach Hause riefen. Da spürte er ihre Hand auf seiner Schulter. Ein wenig pikiert
fuhr er zu ihr herum, wie konnte sie es wagen, ihn einfach zu berühren? Nun gut, da sie ihm geholfen hatte, verzichtete er darauf, sie dafür zu maßregeln. Was sie dann tat, ließ ihn ohnehin
sprachlos werden. Sie krempelte ihr langes Gewand hoch und zum Vorschein kam eine seltsame Stelle am Oberschenkel. Die schimmernde Fläche zeigte feine Schuppen und als sie sich drehte, erkannte
er, dass sie auf dem anderen Oberschenkel die gleiche Anomalie aufwies. War das eine Schuppenglyphe? Das Zeichen einer Wandlerin? Das erschien ihm unmöglich!
„Bitte ... nimm mich mit dir“, stammelte sie unbeholfen, es fiel ihr schwer zu sprechen. Aber er schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“ Sie war ein Mensch, zumindest im Moment, selbst wenn sie
eine Seewandlerin war, wusste er nicht, wie er ihre andere Gestalt hervorrufen könnte, um sie mitzunehmen. Sie musste sich selbst wandeln.
„Bitte, sie werden mich töten, schon bald.“
Er war verwirrt, ihre Augen flehten ihn an. Was sollte er tun? Er konnte nicht länger bleiben, sein Körper pochte vor Verlangen, ins Meer zurückzukehren.
„Du musst dich wandeln, das liegt nicht in meiner Kraft“, sagte er und riss sich von ihr los. Ohne ein weiteres Zögern robbte er ins Wasser. Die Wellen umspielten ihn, umarmten seinen Leib und
zogen ihn mit sich in die tiefer werdenden Weiten. Er tauchte unter und nahm wahr, wie sein Körper vom Wasser getragen wurde, die Schmerzen verstummten zum Großteil, wenn auch ein leichtes
Brennen zurückblieb. Er streckte seine Flossen und gab der mächtigen Schwanzfluke einen Impuls ihn weiter wegzutragen.
Schließlich tauchte er noch einmal auf und blickte zum Strand zurück. Die seltsame Frau stand noch da, Sehnsucht strahlte aus ihrer Aura. Und weiter hinten betraten die Landmenschen den
Strand.
Ob die junge Frau nun Konsequenzen seinetwegen davon tragen müsste?
Wie gebannt beobachtete er das Szenario aus der Ferne. Es ging ihn nichts an.
Oder doch?
Sollte er ihr ihre Hilfe nicht vergelten?
Nur wie?
Sein Kopf tauchte kurz herunter. Hier in der Ruhe der See kam ihn seine Misere viel kleiner vor. Was hielt ihn davon ab, einfach umzudrehen und Richtung Heimat zu schwimmen?
Es nützte nichts, es ließ ihn einfach nicht los. Und als er auftauchte und das Wasser von seiner glatten Haut perlte, sah er, dass die anderen Landmenschen die Frau offenbar bedrängten. Ihre
Gesichter sahen wutverzerrt aus. Einer der Männer packte sie grob am Arm und drückte sie zu Boden, ein anderer holte mit einem Knüppel in der Hand aus. Das entfachte in ihm den letzten Funken,
den es brauchte, um seinen Beschützerinstinkt zu wecken.
Dank der heilenden Wirkung des Wassers besaß er nun wieder mehr Energie und Kontrolle über seinen Körper. Kraftvoll schoss er durch das Wasser, als müsste es vor seiner Entschlossenheit
regelrecht zurückschrecken. Schon erreichte er den Schauplatz, sprang im hohen Bogen aus den Wellen empor und warf sich zwischen die Frau und ihre Peiniger. Es kostete den Ichtiokentauren kaum
Mühe, seine Gegner mit der muskulösen Schwanzflossen, die mit stacheligen Flossenenden bestückt war, auf Abstand zu halten. Die Frau lag mittlerweile in seinen Armen.
Er gab sich nicht lange mit den Menschen ab, zwei kraftvolle Hiebe der Schwanzfluke später, entschwamm der Meereskentaur mit seinem Mündel in Richtung der meerenden Unendlichkeit. Die lauten Rufe
der Männer erreichten ihn nicht, da das Rauschen und platschend es Wassers sein Gehör erfüllte.
Da die Frau noch immer ihre menschliche Gestalt besaß, ging der Ichtiokentaur nicht davon aus, dass sie sonderlich begabt im Anhalten der Luft war, geschweige denn, mit Kiemen hätte atmen können.
Wobei er nicht wusste, ob sie nicht doch irgendwo versteckte welche besaß. So glitt er mit ihr an der Oberfläche entlang. Eine geraume Zeit verstrich, in der sie in seinen Armen lag, kein Wort
sprach und sich offenbar auch nicht traute, ihn anzublicken.
Schließlich erreichten sie eine kleine Gruppe Felsen, die aus dem Meer herausragten. Dorthin brachte der Retter die junge Maid. Mit Hilfe der starken Vorderbeine hievte er sich halb auf die
Felsen und setzte sie ab. Danach kletterte auch er ganz auf die Felsen, ihre Oberfläche war größtenteils glitschig, was es etwas schwierig mache, aber so kam er wenigstens hinauf, ohne sich die
Haut aufzuscheuern.
Die Augen zum Horizont gerichtet stöhnte er und wischte sich mit einer Hand durch die nassen Haare. Was sollte er jetzt mit ihr machen? Immer noch stumm saß sie regungslos da und starrte
ihrerseits auf das Meer. Sie konnte nicht hierbleiben, genauso wenig wie er, sobald seine Haut austrocknete, musste er zurück ins Meer, aber sie konnte ihm nicht folgen. Nicht in dieser
Gestalt.
Mit in den Nacken gelegtem Kopf flüsterte er: „Mächtiger Poseidon, was verlangst du von mir?“
Da drehte sie sich zu ihm um und legte ihren Oberkörper auf seinem Rücken ab, die prachtvolle Rückenfinne zog sich reflexartig zusammen, damit sie von den Stachelenden keine Verletzung davon
trug. Sie umarmte ihn wie einen Freund: „Ich danke dir. Mein Name ist Ninisea.“
Verdutzt schaute er sie über eine Schulter hinweg an: „Es freut mich, ... ich bin Magenton.“
Dann schien sie leise zu lachen, vergnügt wie ein kleines Fohlen und kaum drei Wimpernschläge später schlief sie einfach ein. Noch bevor er verstand, was geschah, breitete sich ein leuchtendes
Strahlen um sie herum aus. Es schwoll so derart an, dass er wegsehen musste. Und nachdem die Helligkeit ihre Intensität wieder abschwellen ließ, glaubte er kaum, was er erkannte: Ein
Ichtiokentaurin lag nun bei ihm. Ihre blaugrüne Farbe war zart wie ihre Statur und doch ging von ihrem Aussehen der unerbittliche Wille der Wellen aus, die in jeder Natur eines Ichtios
mitschwang. So hatte der Meeresgott sie einst erdacht und erschaffen.
Ein Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab, während er raunte: „Sobald du dich ausgeruht hast, wird es mir eine Ehre sein, dich nach Hause zu bringen, Ninisea.“
Runataurina