Er schlug die Augen auf. Der Morgen schickte sein junges Licht durch das runde Fenster ins Innere des Zimmers. Die Stimme eines Raben übertönte den Gesang der anderen Vögel. Sich im Bett
aufsetzend, verblieb die leichte Wolldecke weiterhin auf seinen Schultern. Die warmen Töne der Sonne tauchten den angrenzenden Wald, den er mit Blick aus dem Fenster als erstes sah, in die
taumeingefärbte Landschaft verspielter Fantasien. In denen der märchenhafte Anblick der Baumriesen in ihrer mächtigen Unberührtheit Schutz und Sicherheit versprach – etwas, dass er bisher nicht
gekannt hatte.
Stimmen drangen an seine Ohren, jemand unterhielt sich mit seinem Vater. Obwohl er nicht verstand, was gesprochen wurde, vermittelte ihm die Klangmelodie und die Schärfe der Stimme, dass
Unheilvolles in der Luft lag.
Die Decke von seinen Schultern abstreifend, verlagerte er langsam das Gewicht, um aus dem Bett zu steigen. Schritt um Schritt, ließ er das Zimmer hinter sich und betrat den Flur, der den ersten
Stock über eine weite Treppe mit dem Erdgeschoss verband. Es roch nach verräucherten Beifuß und Fichtenharz.
Zögernd setzte er einen Huf vor den anderen, darauf bedacht möglicht keine Geräusche zu machen. Er fühlte sich fast wie jemand, der etwas Unerhörtes tat. Eigentlich wollte er gar nicht
nachschauen, was dort unten vor sich ging, aber irgendwas lockte ihn.
Mit einer Hand am Geländer entlang gleitend, schritt der bis zum Ende der Treppe, von dort waren die Stimmen ganz deutlich zu hören. Dem Klang nach, handelte es sich um einen älteren
Pferdemenschen. Der raue Tonfall kratzte beim Zuhören fast unangenehm in den Ohren: „... Ein Nachkomme mit guten Fähigkeiten, ein Krieger oder einen Magieranwärter, wäre auch eine Belastung in
deiner Position, Argo, wo ich dich zu meinem Nachfolger ernennen will. Aber dieser ... Bastard ... er macht alles zu Nichte, was du dir aufgebaut hast.“
Sein Herz wummerte laut in der Brust, ein Brummen in den Ohren machte es ihn unmöglich zu verstehen, was sein Vater darauf sagte. Doch ihm wurde schmerzlich bewusst: Sie sprachen über ihn.
„Dein Ansehen und deine Magie werden von ihm beschmutzt. Bei den letzten zwei Ritualen hast du bereits gefehlt und wenn das so weitergeht, werde ich ... deinem Bruder sagen müssen, dass du als
Erzmagier deines Stammes offenbar nicht länger in der Lage bist, dein Amt fortzuführen. Sei doch vernünftig, schicke ihn weg! Was willst du mit dieser mickrigen Kreatur? Er wird dir nie Ehre
bringen oder dich mit Stolz erfüllen.“
Er schluckte. Der Bastard – der, den nie jemand gewollt hatte. Genau, das hatte man ihn stets spüren lassen. Ihm war nie eine wahre Chance gegeben worden, sein Leben schien verwirkt. Bis sein
Vater von ihm erfuhr und ihm überraschend Gnade erwiesen hatte.
Der Blutfluss in seinen Ohren rauchte noch lauter, die Hände begannen zu zittern. Soweit er wusste, gab es für seinen stolzen und zielstrebigen Vater nichts Wichtigeres als die Aufgabe des
Erzmagiers zu bekleiden. Ein bitteres Gefühl würgte ihn in der Kehle, er würde vermutlich sein Zuhause wieder verlieren, noch bevor er sich richtig eingelebt hatte. Die Stimme seines Vaters erhob
sich, doch er verstand erneut kein deutliches Wort. Kurz darauf stapften kräftigen Hufschläge dumpf grollend über den Boden und der Gesprächspartner seines Vaters verließ den Raum.
Seine Beine drohten ihm unter dem Körper nachzugeben, als er die riesenhafte Gestalt dabei beobachtete, wie sie wütenden Schrittes über den Flur nach draußen marschierte.
Ob der Besucher ihn bemerkt hatte, wusste er nicht.
Benommen, wie nach einem kräftigen Schlag ins Gesicht, stand er da, unfähig sich zu rühren.
Was sollte er tun?
Zumindest sollte er von dort weggehen, zurück in sein Zimmer, solange es noch das seine war.
Wann würde sein Vater ihn wegschicken?
Heute?
Morgen?
In den kommenden Tagen?
„Sarvos, wie lange stehst du schon hier?“
Sein Kopf fuhr hoch, während der Rest seines Körpers zusammenschrak. Vor ihm stand sein Vater. In dem kantigen Gesicht mit den strengen Gesichtszügen sahen ihn zwei Augen an, deren Ausstrahlung
Wärme verrieten und die so aussahen, als überraschte ihn diese Empfindung sogar ein kleines bisschen selbst.
Sein Vater Argo fragte ruhig weiter: „Hast du Ermingros Worte mitangehört?“
Schüchtern nickte er und zog die Schultern hoch. Was würde ihn nun erwarten?
Argo ergriff Sarvos Unterarm und gab ihm das Zeichen, ihm nachzufolgen. „Mach dir keine Gedanken, er versteht nicht, weshalb ich so handele. Ehrlicherweise verstehe ich mich selbst im Moment
nicht.“ Der Vater führte ihn in das geräumige Gemeinschaftszimmer, mit den vollgepackten Regalen und der Rundecke mit den vielen Kissen und dem kleinen Tisch, der davor gestellt war. Dorthin
führte Argo ihn.
Vor lauter Erschöpfung knickte Sarvos seine Beine ein und ließ sich auf die Kissen sinken. Sein Körper war noch schwach und von der Vergangenheit gezeichnet. Es stimmte schon, er war ein
jämmerlicher Anblick. Dessen war er sich bewusst, doch er wollte nicht aufgeben. Ja, er mochte schwach sein, aber war es nicht auch eine Art Stärke, überhaupt überlebt zu haben? Er wünschte sich,
zu leben. Das war immer sein Antrieb gewesen.
„Hast du Hunger?“
Sein Magen grummelte was wie auf Befehl hin und zögernd nickte Sarvos seinem Vater zu, dessen Gesicht nun wieder leicht versteinert wirkte. Der Magier wandte sich zum Gehen, doch dann hielt er
inne und drehte sich noch einmal zu seinem Sohn zurück. Er schwieg zunächst, offenbar suchte er nach Worten, die ihm geeignet erschienen. Seine große Hand fand Platz auf Sarvos schmaler Schulter,
dazu musste sich der Magier ein wenig herunterbeugen, was ihn nicht weniger imposant in seiner Größe erscheinen ließ. Sein silbernes Haar fiel ihm dabei in Teilen über die breiten
Schultern.
„Weißt du Sarvos, ich dachte früher immer, es sein meine Bestimmung, meinem Volk als Magier zu dienen und ich habe mich diesem Ziel mit all meiner Leidenschaft gewidmet. Und dann kam der Tag, an
dem sie dich mir vorführten und von mir verlangten, dein Leben gegen die Wiederherstellung meiner Ehre einzutauschen.
Ich sah in deine Augen und erblickte die Farbe des schimmernden Blaues, die dein Großvater und so viele Ahnen vor ihm schon getragen hatten, und ich durfte einen winzigen Funken deiner Seele
erhaschen. Da wurde mir klar – du bist der Grund, warum ich hier bin. Du bist meine Aufgabe in diesem Leben. Und wenn die Magie mich dafür jetzt verlässt, dann soll es eben so sein.“
Argo nahm seine Hand zurück. In seinen Augen flackerte keine Spur von Bedauern, da gab es nur reine Liebe und innere Klarheit. Schließlich löste er langsam den Blickkontakt.
Und dann drehte sich Argo weg und verließ den Raum. Der Moment war verstrichen, doch er hallte noch in Sarvos nach. Er zwinkerte, das Herz war im warm, auch wenn es noch immer laut pochte. Es
fühlte sich an, als fiel all die Angst, die ihn wie Geröll zuvor versucht hatte zu begraben, einfach zusammen und es gelang ihm wieder frei zum Atmen.
Allmählich meldete sich auch die ihn bekannte Müdigkeit zurück, sein ständiger Begleiter, der ihn ohne Vorwarnung überfiel, wie ein immerwährender Lauerjäger. Er wollte es nicht, aber die
Augenlider wurden ihm schwer. Also legte Sarvos seinen Oberkörper auf den gemütlichen Kissen ab. Nur um eine kurze Ruhe einzulegen, nicht um zu schlafen. Der Stoff war weich, die bunten Muster
waren an manchen Stellen abgegriffen, sie mussten bereits viele Jahre schon hier liegen. Und sie rochen nach Kräutern und dem Geruch seines Vaters – nach zuhause.
Seine Augen schlossen sich und er fiel in einen Schlaf, in dem der Traum ihn nicht erreichte.
Runataurina